Sonne im Herzen

Silke

Geschichten, die das Leben schrieb.

Sonne im Herzen


Träge wälzt sich die graue Wolkendecke am Himmel über unseren Ort.  Mit den Füßen an der Heizung unter dem Fenster, schließe ich meine kalten Finger etwas fester um die warme Teetasse und blicke in den Nieselregen hinaus. Durch die Regentropfen hindurch tauchen plötzlich Erinnerungen an längst vergangene Zeiten auf. Ich laufe neben meiner Oma über die Ebene zwischen Fellbach und Cannstatt nach Hause. Der Regen hat meine Jeans völlig durchnässt und das Wasser läuft über mein Gesicht. Meine Oma patscht tapfer vorwärts, beide Hände am Kinderwagen, während mein kleiner Bruder vorsichtig unter dem Regenschutz seines Kinderwagens hervorlinst. Wir lachen über unser jämmerliches Aussehen und darüber, daß heute tatsächlich einmal Regenwetter war.Gemeinsam lassen wir die schönen Momente unseres wöchentlichen Ausflugs noch einmal Revue passieren. Ich schaue in ihr nasses, grinsendes Gesicht und bin glücklich.

Bis jetzt war immer schönes Wetter gewesen, wenn "Omatag" war. Darauf konnte man sich absolut verlassen. Am besten buchte man auch seinen alljährlichen Urlaub immer dann, wenn meine Großeltern in die Ferien gingen, da war nämlich Sonnenschein garantiert. Das hatte all die Jahre funktioniert. Bis die beiden letztes Jahr dann plötzlich nicht mehr da waren. Ich stelle die leere Teetasse ab und überlege, daß ich den Besuch auf dem Friedhof, wo meine Großeltern bestattet wurden, nun endlich hinter mich bringen muss. Seit mein Opa ein halbes Jahr nach meiner Oma beerdigt wurde, war ich kein einziges Mal mehr dort.

Ich war immer der Meinung, Trauerarbeit wird nicht auf dem Friedhof verrichtet. Warum zieht es mich dann jetzt unbedingt dorthin? Was soll ich dort?  Meine Erinnerungen trage ich im Herzen... Einem inneren Drang folgend gehe ich eben dann doch hin. Der trübe Tag passt zu meiner Stimmung. Während ich da stehe und auf die bepflanzte Fläche mit Grabstein schaue, lösen sich Tränen und strömen ungehindert über mein Gesicht. In meiner Hilflosigkeit beginne ich ein paar welke Blätter aus den Pflänzchen zu zupfen. Das hätte sie auch gemacht, kommt es mir in den Sinn. Ich lächle, als ich an Ihren Ordungssinn denke. Während ich mir noch überlege warum ich eigentlich herkommen musste, und daß es Omi vermutlich völlig egal ist, ob ich hier Ordnung mache oder nicht, bricht ein einzelner Sonnenstrahl durch die Wolkendecke und scheint direkt auf mich. Ringsum grau und ich stehe im wärmenden Licht. Ich genieße den Augenblick und habe plötzlich den Eindruck, meine Oma lächelt mich von da oben an. Seltsam bewegt gehe ich nach Hause.

Etwas durcheinander nehme ich mir eine leichte Tätigkeit vor. Kühlschrank putzen. Da bei den Getränken steckt etwas gelbes unter der Sektflasche des letzten Geburtstags.

Ich ziehe es heraus und erinnere mich wage, daß der Zettel mit der Flasche zusammen an uns ging. Als ich lese was darauf steht, treten mir erneut Tränen in die Augen und ich beginne zu ahnen, daß die Grenzen zwischen diesseits und jenseits manchmal wohl recht dünn sind.


"Nur ein liebes Wort,

nur ein dankbarer Blick,

schenkt ein glückliches Lächeln

und läßt die Sonne im Herzen zurück"



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