Memories

Silke

Geschichten, die das Leben schrieb.

Memories


Frustriert lasse ich die Hände sinken. So macht das keinen Spaß. Ich konnte das doch mal. Die elfenbeinfarbenen Tasten unseres Flügels schauen stumm zu mir auf. Mein Blick wandert zu den Noten. Ok, die paar Takte mit den vier bs spielen sich nicht mal eben so vom Blatt. Aber vor einigen Wochen lief das richtig gut. Einmal tief durchatmen und einfach noch mal von vorn. Die Töne kommen einzeln und zögerlich, irgendwie abgehackt. Mist! Schon wieder daneben gegriffen. Genervt schließe ich die Augen. Erinnere mich an den Klang. Wie die Melodie sich sanft entfaltet und mit einem Mal steigen die Bilder vor meinem Auge auf...

Sie steht vor dem Spiegel, dreht und wendet sich. Lächelt ihr Gegenüber an. Er muss sie einfach toll finden. 17 Jahre jung, schlank und blond, tiegründige, grüne Augen...Anfangs war sie richtig erschrocken, als ihrer beider Knie unter dem Esstisch aneinanderstießen und ein kleiner Stromschlag durch sie hindurch zuckte. Oder neulich war sie rot geworden, als sich ihre Hände aus Versehen berührten. Was war denn plötzlich los. Sie mochte ihn- ja durchaus- aber doch nur weil er sie permanent zum verbalen Schlagabtausch forderte. Bei keinem der anderen bekam sie auf ihre provokanten Äußerungen so schlagfertige Antworten. Und wie er sie dabei süffisant anlächelte. Seine dunklen Augen schienen dabei bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. Sie kannten sich ja schon so lange. Seit vier Jahren gab er ihr Orgelunterricht. Wenn sie ihn auf der großen Kirchenorgel spielen hörte und dabei die virtuosen Bewegungen seiner Finger betrachtete, wude ihr ganz warm ums Herz. Doch seit Neuestem konnte sie sich in seiner Gegenwart nicht mehr normal artikulieren, fing an zu stottern oder räusperte sich unentwegt. Er musste sie ja für komplett bescheuert halten. - Ja mittlerweile hatte sie sich eingestanden, daß sie mehr wollte als einfach nur ein guter Kumpel zu sein. Einige Treffen mit Jungs hätte sie schon haben können, aber die waren ihr viel zu langweilig. Nein, sie mochte seine coole Art dem Gegenüber mit geistreichem Witz zu antworten. Merkte er denn nicht, wie gut sie beide zueinander passten? Sie könnte verrückt werden vor Sehnsucht, endlich in seinen Armen zu liegen. Fast vier Monate raubte ihr der Typ nun schon nachts den Schlaf, tagsüber litten ihre schulischen Leistungen. Sie musste endlich wieder ein normales Leben führen. Jetzt war Schluss, kein Hoffen und Bangen mehr, kein ,,er liebt mich, er liebt mich nicht." Wenn er echtes Interesse an ihr hätte, wäre er doch schon längst auf sie zugekommen. Signale hatte sie in den vergangenen Wochen genug ausgesendet. Entschlossen kehrt sie ihrem Spiegelbild!d den Rücken. Ja, sie geht zu dieser Party. An diesem Abend wird er nicht da sein, denn sein Vater feiert Geburtstag. Also kann sie sich unbefangen mit den anderen unterhalten, lachen scherzen und möglicherweise kommen ja noch ein paar nette Jungs... Der Abend entwickelt sich wunderbar. Lange schon hat sie sich nicht mehr so ungezwungen gefühlt. Plötzlich tippt ihr jemand auf die Schulter. Als sie sich umdreht, fällt ihr vor Schreck fast das Glas aus der Hand. ,,Soll ich dich nachher nach Hause bringen?" ER schaut sie mit seinen dunklen Augen fragend an. Oh Mann, wie lange träumt sie davon schon. Einige Zeit später fährt er an ihrem Haus vorbei und biegt in einen kleinen Feldweg ein. Als sie beide aussteigen leuchtet über ihnen der Sternenhimmel. Zärtlich nimmt er sie in den Arm und endlich finden ihre Lippen zueinander. Als sie den Kopf hebt, sieht er ihr zärtlich in die Augen und sagt leise: ,,Weisst du eigentlich, daß ich das schon vor drei Jahren tun wollte? Du warst noch so jung und hast dich immer so abweisend verhalten. Ich hatte Angst, daß du noch keine feste Beziehung willst. Bist du jetzt bereit für die Liebe?...

Wie von selbst wandern meine Hände zurück auf die Tastatur. Sie scheinen sich an die Melodie zu erinnern. Erstaunlich, sobald der Verstand den Fingern nicht mehr jede einzelne Note aufzwingen  will, können diese sich entspannen und bewegen sich wie von selbst zur Melodie. Selig lächelnd begreife ich. Das Geheimnis heißt loslassen. Erst wenn der Geist sich löst, können die Gefühle an die Oberfläche kommen...

Plötzlich steht einer meiner fast erwachsenen Söhne neben mir, lächelt mich schelmisch an und meint:,, Mensch Mama, wenn du schon das Klavier abstauben musst, nimm wenigstens einen Lappen dazu."Ich sehe in seine tiefgründigen Augen, muss grinsen und räume bereitwillig den Platz am Klavier. Als ich mich in die Küche aufmache, um das Abendessen zu bereiten, werde ich von virtuosem Klavierspiel begleitet. Und auf einmal fühle ich mich wieder wie siebzehn...




Wir unterstützen Sie gern!


Anrufen und Fragen kostet nichts.

Wir freuen uns darauf!

Diese Webseite setzt Cookies ein. Durch Nutzung der Webseite erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden.

Hier erfahren Sie mehr.
Akzeptieren