Der Neue

Silke

Geschichten, die das Leben schrieb.

Der neue Mitbewohner


,,So Karl, jetzt kann er in den Verkaufsraum." Liebevoll streicht Emil Brandner über das dunkle Nussbaumholz des Instruments mit der Seriennummer 10597. Ja, dieser Flügel war ihnen wirklich wieder gut gelungen. Sanft schlägt er einige Tasten an, und die ersten Takte der Mondscheinsonate von Beethoven verbreiten eine warme Atmosphäre in der Werkstatt der Klaviermanufaktur Kaim. Andächtig lauscht Karl, wie die Melodie höher und höher steigt, und beobachtet dabei das Schwingen der Saiten unter dem hochgeklappten Deckel des Flügels. Der Resonzboden ist sauber gearbeitet. Dafür hat die Firma ihren eigenen Holzlieferanten, welcher die Bäume selbst auf ihre Tauglichkeit prüft und nur bestes Holz für die Instrumente in die Werkstatt bringt. Alle Saiten sind in einem goldfarbenen Gussrahmen gehalten und erklingen unter Emils einfühlsamen Händen in einer wohligen Sinfonie.

Vorsichtig senkt Karl Bürkle den Deckel, während sein Kollege Emil die Tastatur schließt und gemeinsam rollen sie den 280 Kilogramm schweren Flügel durch die Werkhalle hinaus in den Verkaufsraum. Dort wird er auch gleich ausgezeichnet. 12.000 Reichsmark soll er kosten. In dn folgenden Wochen herrscht reger Kundenverkehr bei der Firma Kaim. Damen mittleren Alters in langen Kleidern und wippenden Hüten schlendern am Arm ihrer gut situierten Männer durch den Laden und bekunden ihr Entzücken über die ach so schicken Flügel. Allerlei Instrumente, kleinere und größere mit oder ohne Schellacklackierung, wechseln den Besitzer. Mehrere Verkäufe werden auf Anraten besagter Gattinen abgewickelt. Zwei Jahre nach Kriegsende kommt jetzt im Jahr 1920 endlich wieder das gesellschaftliche Leben in Gang. Dazu gehören Partys mit Hausmusik ebenso wie der Foxtrott, der in den geräumigen Salons der betuchten Gesellschaft getanzt wird. Im Verkaufsraum der Firma Kaim ist also einiges in Bewegung. Immer wieder kommen neue Pianos aus der Werkstatt in den Laden, um die durch den regen Absatz entstandenen Lücken zu füllen. "Karl Emil", der Flügel mit der Seriennummer 10597, steht einige Wochen lang im Ausstellungsraum ohne daß jemand großes Interesse an ihm hat, als sich eines Tages die Ladentür öffnet und für Karl Emil die Sonne aufgeht. Am Arm eines älteren Herrn in Frack und Gehstock betritt eine junge Dame in hellen, weiten Hosen und Seidenbluse den Ausstellungsraum. Unter einem kleinen Hut trägt sie das dunkle Haar modisch zu einem Bubikopf frisiert. Ein Hauch Jasmin liegt in der Luft, als die junge Frau an Karl Emil vorbeikommt. Während der ältere Herr sich mehr für die elegante Optik der Schellackflügel interessiert, setzt sich das Fräulein an einige Instrumente und beginnt wundervoll darauf zu spielen. Als sie Karl Emils cremeweiße Elfenbeintasten berührt, rieselt ein Schauer durch das Instrument. Ihre Hände sind so weich und wie zärtlich sie seine Tasten streichelt. Der Flügel gibt sich ganz den geschmeidigen Bewegungen der jungen Dame hin und läßt sich von ihr gefühlvolle, warme Töne entlocken. ,,Elisabeth, was meinst du, welcher ist am besten geeignet für unseren Tanzsalon?" Ganz versunken schaut das Mädchen auf und antwortet: ,,Dieser hier, Papa." Verwundert betrachtet der Vater das einfache Instrument. Eigentlich hatte er eher an einen eleganten, großen Flügel gedacht. Dieser hier war holzbraun und kaum zwei Meter groß. Doch schließlich ist seine einzige Tochter die Pianistin und liebt die Musik. Deshalb gibt er schließlich auch ihrem Drängen nach und vertraut auf ihr Urteil.Der geschäftliche Teil ist schnell abgeschlossen und bereits zwei Tage später tritt Karl Emil seine erste Reise an. Ordentlich verpackt fährt er auf der Ladefläche eines Kleintransporters nach Stuttgart. Trotz der vorsichtigen Fahrweise des Chauffeurs gerät der Flügel mehrmals aus dem Gleichgewicht und läßt sich dankbar in die Haltegurte sinken. Ganz wackelig auf den Beinen wird er nach der Fahrt sanft abgeladen und in ein großes Gebäude getragen. Am Eingang kann er bereits den vertrauten Jasminduft wahrnehmen. Die klare Stimme der jungen Dame leitet die Träger in den geräumigen Saal, wo Karl Emil künftig stehen soll. Als alle Verpackung von dem Flügel entfernt ist, setzt sich Elisabeth auf den kleinen Klavierhocker und beginnt Bachs Präludium in C Dur zu spielen. Karl Emil ist begeistert von der Akustik des Tanzsalons. Durch die großen, weißen Bogenfenster fällt viel Licht, das die Fensterflügel auf dem Parkettboden abzeichnet. An der hohen Decke glitzern mehrere Kronleuchter. Es scheint, als ob die Lichtpunkte zu der Musik tanzen. Mit jedem neuen Stück fühlt sich das Instrument beschwingter. Als Elisabeth auch noch seinen Flügeldeckel öffnet, hat Karl Emil das Gefühl zu schweben. Er schickt seine Melodien immer höher in den Saal bis sie in einem überwältigenden Crescendo explodieren und Flügel und Pianistin gleichermaßen zu seliger Erschöpfung führen.  Vereinzeltes Beifallklatschen holt die beiden wieder in die Wirklichkeit zurück. In der Tür zum Tanzsalon stehen der Hotelier, die Empfangsdame und zwei Zimmermädchen. Während die drei Frauen ehrfürchtig zur Pianistin und Karl Emil schauen, verkündet Elisabeths Vater: ,,Nächstes Wochenende findet unser erster offizieller Tanzabend statt, wozu meine Tochter auf unserem neuen Flügel spielen wird. Frau Emmrich, bitte sorgen Sie doch dafür, daß die Einladungen an alle hochrangigen Bürger unserer Stadt verschickt werden. Und denken Sie auch daran, einige privilegierte Herren im heiratsfähigen Alter mit auf die Gästeliste zu setzen. Trude und Greta, ihr bringt alles auf Hochglanz und gebt bitte noch der Köchin Bescheid, daß genügend Schnittchen fürs Buffet bereitstehen. Und jetzt, an die Arbeit!" Mit diesen Worten dreht er sich um und läuft die elegante Treppe zu seinem Büro im ersten Stock nach oben. Seine energischen Schritte werden von dem blauen Teppich auf den Stufen gedämpft. Elisabeth schaut ihm nach. Trotz seiner fünfundsechzig Jahre ist ihr Vater immer noch eine eindrucksvolle Erscheinung. Er spielte früher selbst ein wenig Klavier, doch leider wurden ihm bei Kriegsbeginn drei Finger seiner rechten Hand abgetrennt. Letztendlich erwies sich das als Glücksfall, denn er wurde nach seiner Genesung nicht wieder eingezogen. So konnte er sich nach dem Tod ihrer kränklichen Mutter vor sechs Jahren um sein einziges Kind kümmern. Er ist bis heute sehr nachgiebig, wenn es um die Wünsche seiner Tochter geht. Elisabeth genießt bis heute Freiheiten, von denen einige ihrer Freundinnen nur träumen können. Sie lächelt. Hosen zu tragen ist nur eine davon. Natürlich will er auch den besten Ehemann für seine Tochter. Das Mädchen seufzt. Sie hofft, daß er ihre Ansichten diesbezüglich auch berücksichtigen wird. Sanft legt sie ihre Hände wieder auf die Tasten und spielt zum Abschluss die Serenade von Franz Schubert. Nachdem der letzte Akkord verklungen ist, schließt sie den Deckel der Klaviatur. Bevor sie die Tür zum Tanzsalon leise schließt, lächelt sie Karl Emil zu und wünscht ihm eine gute Nacht. Selig begibt sich das Instrument zur Ruhe. Mit lautem Staubsaugergetöse wird der Flügel am nächsten Morgen geweckt. Der ganze Saal scheint vor Geschäftigkeit zu vibrieren. Einige Mädchen in Schürzen und Spitzenhäubchen stehen auf Leitern und nehmen die Gardinen ab, polieren mit feuchten Tüchern die Kristallgläser in der Vitrine oder reiben mit Staubwedeln die Kronleuchter. Karl Emil beobachtet die letzten Vorbereitungen. Große Tische werden hereingetragen und am Rand des Raumes aufgestellt. Kleine Sitzgruppen werden um die Tanzfläche verteilt. Riesige Platten mit allerlei Leckereien werden auf die mit weißen Spitzentischtüchern gedeckten Tafeln getragen. Als es zu dämmern beginnt, treten stattliche Herren in Frack und Zylinder und elegante Damen in bodenlangen Abendkleidern ein. Einige junge Herren mit vor Pomade glänzendem Haar in schicken Anzügen sammeln sich in gespannter Erwartung um den Flügel. Als der Hotelier nach einer kleinen Ansprache seine Tochter Elisabeth ankündigt, stockt nicht nur Karl Emil vor Bewunderung der Atem. Seine Pianistin trägt ein knöchellanges Abendkleid aus dunkelblauer Seide. In ihrem Haar wippt bei jedem Schritt, mit dem sie sich dem Flügel nähert, eine kleine Feder mit schwarzem Tüll. Als sie ihren Platz auf dem Klavierhocker einnimmt, verstummen schlagartig alle Gespräche. Die ersten Akkorde von "Für Elise" entfalten sich im Raum woraufhin die jungen Herren gebannt Elisabeths Spiel lauschen. Die älteren Damen fassen sich seufzend an die Brust und die Herren im Frack streichen sich andächtig durch die gepflegten Schnurrbärte. Nach Chopins "Nocturne" gibt der Hotelier das Zeichen zum Tanz, woraufhin die Pianistin den Walzer "Wiener Blut" anstimmt, um die Paare auf die Tanzfläche zu lotsen. Wie die eleganten Abendkleider der Damen im Takt sanft hin und herschwingen, lässt Karl Emil gleichermaßen seine Saiten klingen. Bei George Gershwins "Swanee" kommen auch die jugendlichen Tänzer auf ihre Kosten und hüpfen lachend durch den Saal. Viel zu schnell neigt sich der Abend seinem Ende zu und die Herrschaften bedanken sich wortreich bei ihrem Gastgeber und dessen Tochter. Die Tanzabende werden nun regelmäßig durchgeführt und sind bald fester Bestandteil des Veranstaltungsplans des Hotels.

Die Tanzabende im Hotel Victoria sind bald bis über die Stadtgrenze hinaus bekannt. Geschäftsleute, Politiker, Sportler, und Musiker gehen im Hotel ein und aus. Elisabeth spielt unter anderem für Karl von Weizsäcker, Anna Bechler, Ludwig Uhland und Fritz Walter. Die unverheirateten Herren unter den Anwesenden scharen sich um den Flügel und überbieten sich gegenseitig in Witz und Galanterie, um die schöne Pianistin zu beeindrucken. Aber Elisabeth läßt sich von keinem der jungen Herren zu mehr als einem Tänzchen bewegen. In ihren Spielpausen, wenn der Vater Platten auf dem  Grammophon auflegt, lacht und scherzt sie mit den Gästen. Doch ihre Liebe gilt der Musik. Eines Abends ist wieder einmal ein Wettstreit unter den reichen Junggesellen ausgebrochen, wer den schönsten Trinkspruch auf die Tochter des Hauses dichten kann. Ein schlaksiger Kerl torkelt auf den Flügel zu, während das Weinglas in seiner Hand mit dem dunkelroten Inhalt bereits über den Rand schwappt. Erschrocken hält das Mädchen die Arme über die Klaviatur, als ein großer, blonder Mann von einer nahe gelegenen Sitzecke reflexartig aufsteht, und dem Betrunkenen das Glas aus der Hand nimmt. Dieser starrt noch einen Augenblick blöde auf seine leere Hand, bevor er sich auf einen Stuhl fallen läßt und alle Viere von sich streckt. Ein erleichtertes Raunen geht durch den Raum. Nach diesem Schreck zittern der Pianistin die Hände und sie klappt die Tastatur zu. Verlegen stellen die jungen Herren ihre Gläser auf die Anrichte, hieven ihren betrunkenen Kameraden auf die Beine und verlassen still das Hotel. Als Elisabeth sich wieder gefasst hat und sich im Tanzsaal umschaut, sieht sie den blonden Mann, an einer der Sitzgruppen. Er steht mit dem Rücken zu ihr und sammelt ein paar lose Blätter Papier vom Tisch, um sie in seiner Aktenmappe zu verstauen.

Neugierig nähert sich das Mädchen Karl Emils Retter, als dieser sich plötzlich umdreht. Elisabeth trifft auf ein paar braune Augen, in einem markanten Gesicht. Als der junge Mann zögerlich lächelt, entblößt er eine Reihe ebenmäßiger Zähne. Die Pianistin schaut auf den Stapel Papier und erblickt ein paar Zeilen handgeschriebener Noten neben einer kleinen Skizze von einer Frau am Flügel. Fragend sieht sie den Herrn an und streckt ihre Hand nach dem obersten Blatt aus.  Dieser räuspert sich und meint: ,,Entschuldigen Sie, Fräulein Elisabeth, aber das sind nur bescheidene Versuche, meine Gedanken in Melodien zu fassen."

Er lächelt dabei so unschuldig, daß dem Mädchen ganz warm wird und eine sanfte Röte ihre Wangen färbt. ,,Darf ich mir die Noten trotzdem mal ansehen, Herr...?" Verlegen fährt sich der Blonde durch die Haare und meint: ,,Oh, ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt. Samuel Goldberg, mein Name." ,,Goldberg, wie die Goldberg Variationen von Bach?" fragt die Pianistin, als er ihr die Hand reicht.  ,,Ja, genau, und ich liebe sie, ....äh...also die Variationen von Bach, meine ich." erwidert Samuel, worauf Elisabeth in ein glockenhelles Lachen ausbricht. ,,Das ist ja wunderbar, Herr Goldberg, wollen sie mir denn ihre Melodien einmal vorspielen?" Unsicher schaut der junge Komponist sie an, als er plötzlich lächelt und ein schelmischer Ausdruck über sein Gesicht huscht. ,,Wenn sie mir die Ehre erweisen, dazu zu singen, sehr gerne."

,,Abgemacht." Mit einem zufriedenen Nicken läuft das Fräulein zu Karl Emil und stellt sich neben den Klavierhocker. Der junge Mann legt seine Noten auf das Pult und versucht die Blätter so zu arrangieren, daß die kleine Skizze am Rand des Papiers verdeckt wird. Die Pianistin schmunzelt über die Verlegenheit des Komponisten, doch schon nach den ersten paar Takten schlägt ihre Belustigung in Bewunderung um. Die Anordnung der Töne, die diese wunderschöne, warme Melodie hervorbringt, ist unvergleichlich. Sie spürt Karl Emils sanfte Schwingungen, die von Samuels großen, schlanken Händen hervorgebracht werden. Sanft hebt sich ihre Singstimme zur Melodie, sodaß eine neue Einheit zwischen dem Flügel, Samuel Goldberg und ihr entsteht.

Das Wunder der Vollkommenheit zieht alle drei gleichermaßen in ihren Bann, sodaß einige Herzschläge lang eine gespannte Stille im Raum schwebt, nachdem die letzten Töne verklungen sind.

In diesem Moment betreten zwei Zimmermädchen schwatzend  den Tanzsaal und der Zauber verfliegt. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr nimmt Samuel die Noten vom Klavier und verabschiedet sich mit den Worten: ,, Vielen Dank für die wunderbaren Augenblicke, Fräulein Elisabeth." Und während er sich galant über ihre Hand beugt, fügt er noch hinzu:,, und bitte nennen sie mich doch Samuel." Das Mädchen schaut ihm nach, wie er aus dem Tanzsaal geht. Sie wendet sich seufzend Karl Emil zu, streicht noch einmal liebevoll über dessen Tasten, die eben noch von Samuels Händen gestreichelt wurden und flüstert ein kleines: ,,Dankeschön." Dann klappt sie den Deckel der Klaviatur zu und geht nach oben in ihr Schlafzimmer. In den folgenden Monaten wird die Klaviermusik noch um Gesang erweitert. Samuel und Elisabeth singen einzeln oder im Duett, während einer der beiden den Klavierpart spielt. Karl Emil ist glücklich. Er spürt die Harmonie zwischen ihrem Trio und ist bestrebt, die Zuhörer in den musikalischen Bann mit einzubeziehen. Er nimmt die Schwingung der beiden Musiker auf und überträgt sie auf seine Saiten. Diese klingen und bringen die Harmonien durch den geöffneten Deckel in den ganzen Saal.

Die Monate vergehen, die Sonne scheint warm und immer wieder sind nun die großen Fenster im Tanzsaal geöffnet. Eines Abends sind alle Gäste bereits gegangen und nur die beiden Musiker sitzen noch am Klavier. Sanft weht der Duft von Flieder zu Karl Emil. Ganz leise beginnt Samuel zu spielen. Das Instrument spürt die unsichere, erwartungsvolle Stimmung des Pianisten und bringt eine zaghafte, sanfte Melodie hervor. Elisabeth legt ihren Kopf an die Schulter des jungen Mannes und spürt die Bewegung seiner Hände. Den Text des Liedes kennt sie auswendig. Sie singt leise mit: ,,Wenn der weisse Flieder wieder blüht, sing ich dir mein schönstes Liebeslied..." als sie zu der Stelle mit den roten Lippen kommt, verstummt sie plötzlich und schaut in Samuels Gesicht. Dort sieht sie unendliche Zärtlichkeit und wie von selbst finden ihre Lippen zueinander. Karl Emil hält den Atem an. Er ist fasziniert von der Harmonie der beiden, die offensichtlich ganz ohne Musik zwischen ihnen vibriert. Das Glück der beiden spricht sich schnell herum und bald müssen auch die hartnäckigsten Bewerber erkennen, daß die schöne Hotelierstochter vergeben ist.

Während Konrad eines Abends in seinem Büro die Rechnungen durchgeht, klopft es an sein Zimmer.

Auf sein energisches: ,,Herein!" öffnet sich die Tür und Samuel Goldberg steht im besten Sonntagsanzug und mit klopfendem Herzen vor dem Herrn Direktor. Dieser streicht sich schmunzelnd durch seinen Bart und bittet den jungen Herrn an seinen Schreibtisch. Ohne sich um dessen Anliegen zu kümmern, reicht er ihm die aktuelle  betriebswirtschaftliche Auswertung des Hotels und fragt den Bankangestellten nach seiner Meinung: ,,Na mein lieber Herr Goldberg, was meinen Sie denn? Soll ich mir die wirtschaftliche Lage zu nutze machen und einige Investitionen tätigen, oder mein Geld lieber in Gold anlegen?" Leicht verunsichert antwortet dieser: Also bei der derzeitigen Inflation sind sie mit Investieren besser beraten. In Gold würde ich momentan nicht anlegen, denn das machen die meisten. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß der Wert für Gold nach einer Währungsreform stark fällt." Herr Wagner nickt wohlwollend: Das hab ich mir auch gedacht, deshalb hab ich auch keinerlei Bedenken, daß mein Fräulein Tochter an ihrer Seite künftig gut versorgt ist. Und soweit ich weiß, wünscht sie sich nichts sehnlicher, als endlich ihre Frau zu werden. Wohnen könntet ihr im erweiterten Westflügel des Hotels und wenn sie mir in Zukunft bei der Führung des Hotels zur Hand gehen könnten, würde ich meine alten Knochen gern ein wenig schonen." Verschmitzt schaut er den jungen Burschen an: ,,Was meinen sie, lieber Herr Goldberg, oder darf ich sie vielleicht Samuel nennen?" Ungläubiges Staunen weicht einem strahlenden Lächeln im Gesicht des jungen Komponisten. Völlig überwältigt stammelt er ein: ,,Natürlich, Herr Direktor, vielen Dank Herr Direktor." ,,Na, na, ist das nicht ein bisschen umständlich mit dem Herrn Direktor? Nenn mich doch einfach Konrad, mein Lieber. Übrigens hat mir Elisabeth von euren Plänen erzählt. Also meinen Segen habt ihr. Ich kann mir keinen besseren Mann für meine Tochter vorstellen." Mit einer winkenden Geste und einem Schmunzeln im Gesicht fügt er noch hinzu: ,,Und jetzt geh schon und grüß Elisabeth von mir, ich denke sie wartet unten schon auf dich."

Völlig überrumpelt schließt Samuel die Tür hinter sich und schwebt auf Wolke sieben nach unten.

Der Hoteldirektor bespricht sich immer häufiger mit dem Bankangestellten Goldberg, der eine kaufmännischen Ausbildung absolviert hat. Auf sein Anraten hin, kauft Konrad Wagner neue Grundstücke und läßt für den stetig ansteigenden Bedarf einen großen Parkplatz neben dem Hotel bauen. Als die Angestellten im Hotel einen acht Stunden Tag fordern, geht Elisabeths Vater darauf ein. Während sich die wirtschaftliche Lage zuspitzt, erhalten die Mitarbeiter wöchentlich, später täglich ihre Bezahlung. Mit riesigen Lohntüten im Arm verlassen die Angestellten abends das Hotel. Auch kleine Lebensmittelpäckchen mit Resten aus der Hotelküche dürfen die Mitarbeiter nach der Arbeit mit nach Hause nehmen. Die Preise für Übernachtung und Mahlzeiten im Restaurant werden täglich angepasst und die Hotelgäste parken ihre schicken Automobile auf dem großen Parkplatz. Impressionistische Gemälde hängen seit einiger Zeit überall im Hotel. Die Küche ist modernisiert und im neu gebauten Wintergarten können die Besucher ihren Nachmittagskaffee einnehmen. Die Schulden, die der Hotelier dafür aufnehmen musste, sind dank der Inflation nach einigen Wochen bereits getilgt.




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