Visions

Silke

Geschichten, die das Leben schrieb.

Visions


Plong, plong, plong, plong. Rhythmisch klopfen die Regentropfen an die Fensterscheibe, bevor sie sich in trägen Rinnsalen nach unten schlängeln. Amelie steht am Fenster ihres Wohnhauses und wartet auf die Studenten aus der Juillard School. Der Tisch ist festlich gedeckt. In der aufkommenden Dämmerung zeigt sich ihr Spiegelbild in der Scheibe. Sie sieht in ihr zartes, erwartungsvolles Gesicht, das dunkelblonde Haar hat sie locker aufgesteckt, als plötzlich hinter ihr die ersten sanften Akkorde am Klavier erklingen. Getragen von der Melodie an ihrem Ohr wandern ihre Gedanken zu längst vergangenen Ereignissen...

,,Heute musst du einfach mitkommen, Ami!" Ihre beste Freundin Linda legt den Arm um ihre Schultern, während die beiden zur Stempeluhr am Ausgang der Fabrikhalle laufen. ,,Wirst sehen, die Jungs sind echt nett, nicht so spießig wie das hier." Mit einer ausladenden Bewegung ihrer Arme zeigt Linda auf ihre Umgebung und schließt dabei die Fabrik samt ihrer grau gekleideten Mitarbeiter ein. Als sie ihre Stempelkarten beim Pförtner abgeben, schaut dieser mit erschöpfter Miene zu den beiden jungen Damen auf und murmelt ein ,,schönen Abend noch." Amélie denkt an ihre Abende zu Hause, wo sie fast jeden Abend ihren jüngeren Geschwistern bei den Schularbeiten hilft, und sich anschließend mit einem Buch in ihre Zimmerecke verkriecht. Nicht gerade aufregend für ein junges Mädchen. Vielleicht sollte sie die anderen Mädels tatsächlich einmal begleiten. Doch dann kommen ihr Bedenken. Neulich wurde wieder einer jungen Mitarbeiterin in der Fabrik gekündigt, weil diese ein uneheliches Kind von einem Alliierten erwartete. Kunststück! Wenn es den amerikanischen Soldaten auch verboten wurde, eine Deutsche zu heiraten! Fraternisierungsverbot nannten sie das. Keine Verbrüderung mit dem Feind, pah! Wer konnte einem verübeln, daß man nach diesem entsetzlichen Krieg einfach mal wieder leben wollte? ,,Wir treffen uns um 18.00 Uhr in dem kleinen Lokal am Bahnhof, ich hol dich dann kurz vorher ab." plappert Linda weiter. Bevor sie sich am Ende des Fabrikgeländes verabschieden willigt Amélie ein, am Abend mitzugehen. Zwei Stunden später betritt sie mit Linda den Vorraum einer kleinen Gaststätte. Während sie ihre dünnen Mäntel an die Garderobe hängen, dringt aus dem Gastraum Lachen und stimmungsvolle Musik zu ihnen heraus. Eine Wolke aus Ofenwärme, Bier und frischem Schweiß hüllt die beiden ein, als sie in den überfüllten Raum treten. Drei Arbeiterinnen aus der Fabrik winken sie an ihren Tisch, an dem sie mit zwei uniformierten Jungs gerade ein paar schwarz-weiss Fotografien anschauen. Die beiden stellen sich als Bill und Andy vor und zeigen auf die kleine Tanzfläche, in der Mitte des Raumes. Mit ihren wenigen Englischkenntnissen versteht Amélie zwar, daß die Jungs mit ihnen tanzen wollen, lehnt das Angebot aber dankend ab. Sie ist berührt von der Musik, die jetzt einen gefühlvollen Blues spielt. Lachende Soldaten stehen in einer Ecke des Gastraums und flirten mit deutschen Frauen, während sie sich sanft zur Musik im Takt wiegen. Amélie reckt den Hals, um zu sehen, woher der wundervolle Klang kommt. In der Annahme hinter den flirtenden Pärchen eine Musikbox zu finden, bewegt sie sich auf die Klangquelle zu. Fasziniert bleibt sie stehen, als sie den Pianisten am Klavier entdeckt. Er spielt mit geschlossenen Augen und scheint nichts um sich wahrzunehmen. Sanft streichelt er die Tasten des Instruments und entlockt ihm dabei leise, seufzende und sehnsuchtvolle Töne. Als der letzte Akkord im Raum verklingt, öffnet er langsam die Augen und dreht den Kopf zu seinen Freunden. Sein Blick bleibt an Amélie's hübschem, staunenden Gesicht hängen. Mit einem Zwinkern lächelt er ihr zu, und streicht sich dabei eine dunkle Locke aus der Stirn. Die Haare locker nach hinten gekämmt, mit braunen Augen in einem markanten Gesicht, und in lässiger, amerikanischer Uniform entspricht er überhaupt nicht ihrer Vorstellung von einem Besatzungssoldaten. Die nächsten zwei Stunden vergehen wie im Flug, als der Klavierspieler plötzlich aufsteht und Amélie zu einem Bier an der Bar einlädt. In der nächsten Stunde erfährt sie von Paul außer seinem Namen auch, daß er eigentlich an der Juillard School in New York Klavier und Kompositionslehre studieren wollte, er dafür aber noch nicht genug Geld gespart hatte. Der finanzielle Anreiz, der den Soldaten geboten wurde, hatte ihn schließlich nach Deutschland geführt.

Amélie trifft sich in den folgenden Wochen immer öfter mit Paul. Er kommt auch regelmäßig zu ihnen nach Hause und bringt echten Bohnenkaffee und für ihre Geschwister "Tschuing Gams" mit. Ab und zu bekommt ihr Vater auch eine gute Zigarre. Mit Paul ist das Leben so leicht. Er tanzt mit ihr im Regen, fährt sie mit seinem Jeep durch die Straßen Stuttgarts und spielt ihr in dem kleinen Lokal immer wieder auch selbst komponierte, gefühlvolle Stücke auf dem Klavier vor. Seit sie Paul kennt, hat sie das Gefühl zu wissen, was Leben bedeuten kann. Doch im Frühjahr 1947 werden immer wieder Stimmen laut, die den baldigen Abzug der Alliierten aus Stuttgart vorhersagen. Amélie verdrängt den Gedanken an einen Abschied von ihrem geliebten Paul, denn die Vorstellung von ihm getrennt zu sein, kann sie schlichtweg nicht ertragen. Heiraten darf sie ihn auch nicht, da Ehen von amerikanischen Soldaten mit deutschen Frauen per Gesetz verboten sind. Eines Abends in der Bar, als Paul nach George Gershwins Summertime traurig die Hände sinken läßt und Amélie zu sich bittet, ahnt sie bereits, daß die Zeit mit ihrem Geliebten sich seinem Ende neigt. Seine Freunde bestürmen ihn mit der Bitte, das alte Volkslied von Friedrich Silcher anzustimmen. Fragend schaut er Amélie an, und als sie nickt, beginnt er die ersten Akkorde zu spielen. Zaghaft setzt sie mit ihrer schönen Stimme ein und beginnt die erste Zeile des Liedes zu singen. ,,Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus, Städtele hinaus und du mein Schatz bleibst hier..." Als Paul ihre Tränen bemerkt, führt er sie nach draußen und schließt sie in seine Arme. ,,Please, don't cry, darling. I love you. Please, trust in me!"

In den folgenden Momenten erklärt er Amélie, daß es eine Möglichkeit für eine gemeinsame Zukunft gibt. Sie dürfe als seine Verlobte mit einem Visum nach Amerika einreisen. Dort solle nach spätestens 60 Tagen Hochzeit sein, denn als Frau eines Amerikaners dürfe sie in Amerika bleiben. Amélie denkt an ihre Familie und muss erneut schwer schlucken. Als er sie  zum Abschied noch einmal fest in seine Arme schließt und  küßt, rinnen ihr die Tränen heiß über die Wangen. Paul streicht sie sanft fort, und überreicht ihr einen Zettel mit der Anschrift in seiner Heimat. Mit den Worten: ,,I will wait for you!" Please, follow me, you have such a brave heart. You're able to do it." verabschiedet er sich von ihr, um zur Sperrstunde wieder in der Kaserne zu sein. Am darauffolgenden Tag beobachtet Amélie, wie die Truppen abziehen. Sie ist nicht die einzige, die traurig den Soldaten hinterherwinkt. Mit gesenktem Kopf läuft sie anschließend heim. Der nächste Tag beginnt in der Fabrik wo Amelie wie üblich ihre Arbeit verrichtet. Antriebslos sitzt sie abends bei ihrer Familie am Tisch und stochert lustlos in ihrem Essen herum. Die Zeit nach Pauls Weggang kommt Amélie sinnlos und leer vor. Sie fühlt sich, als ob nur ihr Körper mechanisch Tätigkeiten ausführt. Ihre Seele scheint mit Paul  weggegangen zu sein. Sie erkundigt sich nach einem Visum zur Einreise nach Amerika und erfährt, daß sie mit dem Zug bis Hamburg reisen und von dort eine Schiffspassage nach New York buchen muss. Sie hat eine Heidenangst vor Schiffen. Ausserdem ist sie noch nie weiter gereist, als bis zu ihrer Tante nach München, und da waren ihre Eltern dabei. Sie ist hin und hergerissen. Einerseits hat sie hier einen schlechten, aber sicheren Job. In Amerika jedoch hätte sie nichts. Zur Not würde sie als Tellerwäscherin anfangen. Sie lacht ironisch auf, bei dem Gedanken, daß aus manchem Tellerwäscher in Amerika ja schon ein Millionär geworden war. Dann denkt sie an den Abschied von ihrer langjährigen Freundin Linda. Wer weiß, wie sie als Deutsche, eine Tochter der Feinde, von den Amerikanern aufgenommen werden würde. Sie hätte dort nichts, außer Pauls Liebe, aber würde diese groß genug sein, um sie vor Anfeindungen zu schützen?

Am schlimmsten wäre es jedoch für ihre Eltern, die sicher nicht von der Idee begeistert wären, ihre Tochter nach Amerika in eine ungewisse Zukunft reisen zu lassen.

Auch ihre Englischkenntnisse sind trotz der vielen Bemühungen ihres Liebsten immer noch recht bescheiden. Vielleicht würde Paul sie auch vergessen haben, bis sie endlich in Amerika ankommen würde. Denn das Geld für die Atlantiküberquerung hat sie längst noch nicht beisammen. Sie läuft stundenlang durch die Straßen und wägt die Gedanken gegeneinander ab. Wenn sie doch nur mutiger wäre. Doch ein Leben ohne Paul kann sie sich einfach nicht mehr vorstellen. Sie denkt an seine Worte zum Abschied.,, Vertrau mir, ich warte auf dich. Du bist mutig! Du kannst das!" hatte er gesagt. Er sah so viel mehr in ihr, als sie sich selbst zutraute. Dann überlegt sie, daß es vielleicht auch aufregend sein könnte, in einem anderen Land völlig neu anzufangen, getragen von dem Vertrauen, das Paul in sie setzt. Sie könnte ja vielleicht anderen deutschen Einwandererkindern bei den Schularbeiten helfen. Vor dem Krieg hatte sie Lehrerin werden wollen. Auch ihre Singstimme könnte sie weiter ausbilden. Früher hatte sie des öfteren Soloparts in ihrem Schulchor gesungen. Als Musiker kannte Paul vielleicht jemand, der ihr dabei helfen würde. Plötzlich muß sie lächeln. Als sie die Entscheidung erst einmal getroffen hat, kann es ihr gar nicht schnell genug gehen. Sie beantragt das Visum. Nach Betriebsschluss in der Fabrik begibt sie sich jeden Abend in das kleine Lokal, um dort als Kellnerin noch zusätzlich Geld zu verdienen. Immer wenn ihr Blick auf das verwaiste Klavier in der Ecke fällt, wird ihr das Herz schwer. Wie trostlos ihre Umgebung ohne Paul geworden ist. Trotz der Bezahlung in der Fabrik und als Kellnerin dauert es mehrere Wochen, bis alles vorbereitet ist. Einige Tage vor ihrer Abreise erzählt sie den Eltern von ihrem Plan. Nach einem tränenreichen Abschied steigt sie schließlich mit ihren wenigen Habseligkeiten im Koffer in Stuttgart in den Zug. Die Worte ihrer Mutter klingen ihr noch im Ohr. ,, Machs gut, meine mutige Kleine. Ich wünsche dir alles Gute und sag Paul, daß er gut auf dich achtgeben soll."

Als der Zug in Hamburg hält, ist sie überwältigt von den riesigen Schiffen, die trotz ihres enormen Gewichts schwimmen können. Fasziniert beobachtet sie die Matrosen beim Be- und Entladen des Frachguts. Suchend hält sie Ausschau nach einem Fahrkartenschalter, um ihre Überfahrt nach New York zu buchen.

In dem Schalterhäuschen sitzt ein Mann mit Mütze auf den hellen Haaren, mustert sie und meint mit skeptischem Blick. ,, Na, men Deern, hoffentlich iss dea Guude noch frrei, sonst mussde wiida zurrück." Erschrocken schaut Amelie den Mann an, verdrängt den Gedanken an eine mögliche Wiederabschiebung aus Amerika aber schnell.

Vorsichtshalber schickt sie noch einen Brief an Pauls Adresse und gibt ihm den Zeitpunkt ihrer Ankunft in New York durch.

Die Überfahrt ist recht anstrengend und mehrmals steht Amélie an der Reling, weil ihr schrecklich übel ist. Die mitleidigen Blicke ihrer Mitreisenden versucht sie so gut wie möglich zu ignorieren. Nach mehreren Wochen schließlich läuft das Schiff in den Hafen von New York ein. Amélie steht ganz vorn und hält Ausschau nach einem dunkelhaarigen Mann in der Menschenmenge am Kai...

Da verklingen die letzten Akkorde der Melodie und mit ihr auch die Erinnerungen. Amélie sieht wieder auf ihr Spiegelbild am Fenster. In diesem Moment hält ein Auto unten an der Straße und ein gutaussehender, dunkelhaariger Mann und zwei hübsche junge Frauen steigen aus und gehen auf den Eingang ihres Hauses zu.

Sie dreht sich zu ihrem Mann um, der am Klavier sitzt und sie anlächelt.,,Do you like it, darling?" Amélie schaut ihn liebevoll an, streicht ihm eine grau melierte Strähne aus der Stirn und antwortet: ,,Dein neues Stück ist wundervoll, Liebling. Du könntest es "visions"nennen. Und jetzt komm, unsere Kinder sind schon da." Sie nimmt seine Hand und während der Duft des gebratenen Truthahns für Thanksgiving durch die Wohnung zieht, klingelt es an der Tür...



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