Geheimnis der Musik

Silke

Geschichten, die das Leben schrieb.

Musikalisches Geheimnis


Leise öffnet sich die holzvertäfelte Tür. Vorsichtig schiebt sich ein kleines Kindergesicht durch den Spalt. Große Augen schauen sich neugierig im Konzertsaal um. Die riesigen Kronleuchter an der Decke lassen das blankpolierte Messing der großen Tuba strahlen. Wie das Oberhaupt einer großen Familie steht sie da. Die kleineren Posaunen und Trompeten bis hin zur filigran geschlungenen Taschentrompete scharen sich um sie wie Kinder. Der Blick des Jungen wandert weiter zu den mahagonifarbenen Streichinstrumenten. Je nach Größe liegen sie gemütlich auf der Seite oder hängen lässig am Notenständer. Auch hier scheint es große und kleine Familienmitglieder zu geben. Die Türklinke in der Hand streckt sich der Junge bis er auf Zehenspitzen steht.  Ganz hinten waren noch röhrenförmige Gebilde zu sehen? Wie die wohl klingen mochten? ,, Louis, Louis, wo steckst du denn?" Erschrocken dreht sich der Junge um, und schließt die schwere Tür. Schnell rennt er den Gang entlang zurück Richtung Speisesaal. Aus den vergoldeten Rahmen längs des Gangs blicken ihm schmunzelnd die Ahnen des altehrwürdigen Schlosses hinterher. ,,Da bist du ja endlich." begrüßt ihn seine Mutter. ,,Du hast ja ganz rote Backen." Liebevoll wuschelt sie ihm durchs Haar. ,,Oma und Opa sind auch schon da. Komm, das Konzert beginnt gleich. Opa hat uns schon Plätze reserviert." An der Hand seiner Mutter betritt Louis den Publikumsbereich. Ein Streicher spielt einen Ton und alle anderen Instrumente stimmen nach und nach mit ein. Das hört sich irgendwie nicht besonders harmonisch an. Als der Dirigent dann den Taktstock hebt und plötzlich eine gespannte Stille im Saal herrscht, hält auch der Bub den Atem an. Erwartungsvoll schaut der Mann am Pult seine Spieler an und auf sein Zeichen setzen alle Instrumente ein. Eine gewaltige Sinfonie erklingt. Manchmal seufzen die Streicher, ein andermal jubilieren die Trompeten, dazwischen tirillieren die Flöten. Aber am meisten fasziniert schaut der Junge zu der großen Tuba. Der Mann dahinter macht riesige Backen, und wippt bei jedem Ton auf seinem Stuhl. Bestimmt war es sehr anstrengend Luft durch das riesige Instrument zu blasen. Eine Stunde später brandet tosender Applaus im Saal auf. Mutti wischt sich verstohlen eine Träne aus den Augen und Omas Gesicht strahlt geradezu. Der Dirigent verbeugt sich mehrmals und wendet sich dann an die Zuhörer: ,,Liebe Gäste, wir möchten uns ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Da wir immer gerne neue Mitglieder willkommen heißen, möchten wir das Konzert heute nutzen, allen Interessierten unsere Instrumente vorzustellen. Wer möchte, darf gerne nach vorn kommen und mal Probe spielen." Louis schaut seine Mutter erwartungsvoll an. Er weiß genau, welches Instrument er einmal ausprobieren möchte. Zögernd läuft er nach vorne auf den Mann hinter der großen, glänzenden Tuba zu. Dieser lächelt ihm ermutigend zu, und zeigt ihm, wie er die Lippen formen muss, damit er in das große Mundstück pusten kann. Doch trotz großer Anstrengung kommt erst einmal kein Ton heraus. Enttäuscht wendet sich der Junge ab, als ihn der Mann sanft am Arm hält. Er schaut dem Jungen in die Augen und sagt: ,,Du musst es nochmal probieren. Das ist das Geheimnis, wenn du ein Instrument lernen willst. Das muss man einfach immer und immer wieder üben, bis es klappt." Mehrere Male pustet Louis daraufhin in die Tuba, bis endlich ein Ton herauskommt, der ihn an seine letzte Schifffahrt im Urlaub erinnert. Ein Strahlen erhellt das Gesicht des Jungen.

Begeistert schaut er den Mann an, dreht sich zu seiner Mutter um und jubelt: ,,Mama, hast du gehört. Ich hab's geschafft. Ich hab Tuba gespielt."  Einige Jahre später sitzten ein junger und ein älterer Mann mit ihren riesigen Blasinstrumenten ganz vorn im Orchester. Als der Dirigent den Taktstock hebt fällt der Blick  des Jüngeren auf ein paar Kinder in der ersten Reihe des Publikums, die ihn mit großen, runden Augen fasziniert anschauen...




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